Oberhessische Presse vom 30. Januar 2007

Premiere

Dirigent und Orchester finden sich

Marburg. Am Sonntagabend dominierte in der Stadthalle die Jugend – unter den rund 900 Besuchern ebenso wie in den Reihen der etwa 80 Instrumentalisten.

Foto vom Konzert
Die Junge Marburger Philharmonie mit dem Hornisten Christoph Eß und Dirgent Kiril Stankow. Foto: Rottmann (OP)
Mit Wagners Vorspiel zur Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" eröffnete die Junge Marburger Philharmonie (JMP) ihr erstes komplettes Konzert unter dem 25-jährigen Kiril Stankow, der im Sommer 2006 die Nachfolge von Kerry Jago antrat.

Der Auftakt der Ouvertüre hatte Kraft und Schwung. Hier konnten sich die glänzend aufspielenden Blechbläser profilieren. Allerdings trugen sie stellenweise zu dick auf und überdeckten Streicher und Holzbläser.

Das Orchester spielte frisch auf: Melodik, Rhythmik und Dynamik gewannen immer mehr an Durchsichtigkeit und Präzision. Mit Reinhold Glières Hornkonzert B-Dur, op. 91, aus dem Jahr 1950, stellte sich der 23-jährige Hornist Christoph Eß vor. Um es vorwegzunehmen: Der Solist begeisterte bei dem technisch anspruchsvollen Stück auf ganzer Ebene. Man bekam das Gefühl, er könne ein ganz Großer seines Instruments werden.
Christoph Eß spielte mit weichem Ansatz, tonaler Sicherheit und toller Atemtechnik. Eß gab dem Allegro Charme und Farbe: Mit fließender Melodik, gewagten Intervallsprüngen und Modulationen, kräftigem Forte und hingehauchten Piano-Passagen setzte er nuanciert Akzente. Die JMP begleitete einfühlsam und aufmerksam.
Das Andante hatte Elegie und Esprit mit bewundernswert reinem zweigestrichenem Es, das ähnlich dem Flageolett der Violinen klang. Den Schlusssatz färbte der Komponist mit volkstümlichen Elementen, mit romantischen und impressionistischen Klängen.
Orchester und Solist loteten diese bei wendiger Rhythmik lustvoll aus und kontrastierten sie. Das Publikum feierte Christoph Eß und die Junge Marburger Philharmonie mit stürmischem Applaus und Fußgetrampel.

Schuberts Sinfonie Nr. 7, h-Moll, D 759, bekannt als „Unvollendete“, bildete den Abschluss der Soiree. Im Spiel der JMP hatte der erste Satz alles, was musikalisch faszinieren und bezaubern kann:
Die eingängigen, zart gestrichenen Melodien und begleitenden Pizzikati hatten lieblichen Schmelz und Elegie – genau die Freude und das Leid, genau die Liebe und den Schmerz, die Schubert innerlich zerrissen.
Der Schlusssatz funkelte im Spiel der Jungen Marburger Philharmonie in allen Farben. Empfindsam gestalteten die Musiker die zarte Melodie, prachtvoll klang der Blechbläserchor, nuanciert spielten die Holzbläser.
Dem Orchester gelang ein musikalisches Idyll, ein Märchenfrieden, der trotz aller Einwürfe nie ernsthaft getrübt werden konnte. Das Publikum feierte die JMP, die als Zugabe das erste Werk des Abends mit Spielfreude wiederholte.

Kiril Stankow dirigierte schnörkellos, von eng bis weit ausholend. Seine Einsätze kamen klar und punktgenau. Das Orchester korrigierte er mit kleinen, oft versteckten Hinweisen der linken Hand. Sein jugendliches Temperament war an seiner Körpersprache und dem federnden Dirigat zu erkennen.
Die Junge Marburger Philharmonie und Kiril Stankow scheinen zueinander zu passen. Natürlich müssen sich beide sich erst noch so richtig finden. An diesem Abend hatte man bereits das Gefühl, dass sie bestimmt zu einer Einheit wachsen werden.

Helmut Rottmann


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