Oberhessische Presse vom 28. Januar 2008

Junge Marburger Philharmonie mit Geigerin Marion Thomas unter Kiril Stankow in Stadthalle

Solovioline verbindet lyrischen Zauber mit emotionaler Kraft

Marburg. Es war am Sonntag fast wie immer bei einem Konzert der Jungen Marburger Philharmonie: Viele Jugendliche und Studenten unter den – wegen der Landtagswahl? - nur 800 Besuchern mit erwartungsvoller Stimmung. Nur die Werke waren neu – die aber wurden wieder hinreißend-frisch gespielt.

Foto vom Konzert. Foto: Rottmann (OP)
Unter der Leitung von Kiril Stankow (Mitte) glänzte die Geigerin Marion Thomas (links) als Solistin. Foto: JMP
Zum Auftakt erklang die Ouvertüre aus Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel". Der Jungen Marburger Philharmonie unter Kiril Stankow gelang es, die Themen aus Abendsegen, Knusperhexe, Furcht, Trost und Freude der Kinder pointiert zu vermitteln.
In all den Modulationen, Chromatiken, der Umkehrung oder Schichtung von Motiven blieb der Orchesterklang klar und durchsichtig. Hervorzuheben ist der eigene komplette Bläsersatz, der druck- und glanzvoll aufspielte.

Die 27-jährige Geigerin Marion Thomas spielte exzellent den mit technischen Schwierigkeiten übersäten Solopart. Trotz der anfänglichen Flüchtigkeitsfehler: Sie meisterte meist mühelos die vielen Doppelgriffpassagen, das oft extrem hohe Lagenspiel, die Oktavparallelen in schnellem Tempo oder Flageoletts im Finale.
Der Mittelsatz hatte im Spiel der Solovioline slawische Melancholie, tänzerische Eleganz, pulsierende Lebensfreude, Farbdifferenzierungen und melodischen Reichtum. Sie gestaltete ihn als Seelensprache voller Gefühle und Empfindungen.
Die Junge Marburger Philharmonie unterstützte die junge Geigerin nicht nur in den Ecksätzen, in dem die Themen der Solovioline vorbereitet werden: aufmerksam begleitend, dialogisierend oder kommentierend bis hin zu dominantem Spiel. Das Orchester war der Garant, dass die Solovioline lyrischen Zauber mit emotionaler Kraft verbinden konnte. Die Zuhörer spendierten der Solistin und dem Orchester stürmischen Applaus.

Zum Abschluss erklang Brahms' erste Sinfonie, c-Moll, op 68. Kiril Stankow absolvierte in Wien einen Dirigier-Meisterkurs, in dem dieses Werk erarbeitet wurde – siehe nebenstehenden Bericht.
Mit dem Tschaikowski-Konzet und der Brahms-Sinfonie hat Stankow die Junge Marburger Philharmonie in seiner Entwicklung einen mächtigen Schritt nach vorne gebracht. Geschickt führte er die Musiker an ihre momentanen Grenzen heran – aber nicht darüber.
Das Orchester leistete bewundernswerte Detailarbeit, ohne den umspannenden Bogen in den Sätzen zu vernachlässigen. Was die Streicher, die Blech- und Holzbläser aus ihren Instrumenten und aus den Noten herausholten, erstaunte ein um das andere Mal. Da störten kleine Unsicherheiten und Unsauberkeiten nicht. Wie Kiril Stankow die Haupt-, Seiten- und Nebenthemen voller Melodik oder Chromatik von seinen Instrumentalisten ausmodellieren ließ, war intellektuell und gefühlvoll zugleich.
Wie Stankow seine Musiker in Zweiunddreißigstel-Figurationen oder synkopiertem Bläserspiel bis zur Alphornmelodie und zum Choral Kontraste schaffen ließ, das nötigte Respekt ab.
Doch nicht nur diese Detailarbeit verblüffte. Die Spielfreude und der Blickkontakt der Musiker mit ihrem Dirigenten waren vorbildlich. Der Reichtum an Klangfarben, an Nuancen von Tempi und Dynamik, das Fließen und Strömen der Melodik - all das zusammen gaben Brahms' erster Sinfonie Frische und Reife zugleich.

Das Publikum war begeistert: Fünf Minuten langer, kräftiger Beifall mit Freudenpfiffen und Fußgetrampel belohnte die Musiker und den Dirigenten für eine klare und engagierte Interpretation.

Helmut Rottmann


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