Oberhessische Presse vom 02. Februar 2010

Junge Marburger Philharmonie spielte Beethoven und Rachmaninow · Solist am Flügel: Marcos Kopf

700 Zuhörer ließen sich am Sonntag in der Marburger Stadthalle von den 80 Instrumentalisten der Jungen Marburger Philharmonie, von Beethovens „Pastorale“ und Rachmaninows 2. Klavierkonzert mit Marcos Kopf als Tastenvirtuose begeistern.

von Helmut Rottmann

Marburg. Sergei Rachmaninow wurde in erster Linie als Pianist berühmt denn als Komponist. Kein Wunder, dass von seinem Werken die vier Klavierkonzerte am häufigsten zu hören sind. Das Zweite in c-Moll op. 18 ist vielleicht das Schönste und Beliebteste. Es erklang zum Auftakt der Soiree mit dem Pianisten Marcos Kopf und der Jungen Marburger Philharmonie unter der Leitung von Kiril Stankow.

Geschickt loteten Orchester und Pianist in der Moderato-Einleitung das dynamische Spektrum vom Pianissimo bis Fortissimo aus. Marcos Kopf verlieh den massiven Akkorden Kraft und Klang. Er gestaltete die Durchführung als großen Spannungsbogen hin zur Reprise als Gipfel gewaltiger dynamischer Steigerungen. Der dichten Akkordik, charakteristisch für Rachmaninow, spendierte Kopf mit spielerischer Virtuosität Transparenz.

Im Adagio ließen Streicher und Holzbläser sowie Flöte die harmonische Sprache Rachmaninows zart aufblühen, die Marcos Kopf aufgriff und in den immer neuen Veränderungen ausleuchtete. Im Finale konnte das zweite Thema in sangliche Sphären einführen. Kopf und die Junge Marburger Philharmonie unter Kiril Stankow musizierten im Stil eines romantischen „Concerto brillant“, um mit kraftvollen Akkorden glanzvoll abzuschließen. Das Publikum feierte das Orchester, Dirigent und Marcos Kopf mit stürmischem Applaus, Fußgetrampel und einzelnen Bravos. Kopf spielte als Zugabe „Von fremden Ländern und Menschen“ ans Schumanns „Kinderszenen“.

Bei Beethoven 6. Sinfonie „Pastorale“ schöpfte die Philharmonie in den fünf Sätzen aus dem Vollen, ohne Details zu vernachlässigen. Welch zarte, sich einschmeichelnde Melodien, die immer mehr an Fläche und Dominanz gewannen. Was für ein schöner, farbenreicher Orchesterklang, der durch die deutsche Sitzordnung noch an Breite, Ausgewogenheit und Transparenz gewann. Welch ausgefeiltes Spiel mit Klangemotionen. Ganz im Sinne von Thomas Twinnings „Wirkungen der Musik“: Ausdruck, Leidenschaft und Fantasie.

Die Junge Marburger Philharmonie: Ein Orchester, das Spannungsbögen, das dynamische Steigerungen nahtlos formen und gezahlten kann. Ein Klangkörper mit exzellenten Stimmengruppen. Da schwebten die Einwürfe der Holzbläser über zartem Geigenklang. Da spielten die Blechbläser mit Kraft und Elan munter auf. Nicht zu vergessen die halb rechts vom Dirigenten positionierten Celli, die sich mit warmem und weichem Klang profilieren konnten. Das Publikum feierte die Junge Marburger Philharmonie mit stürmischem Applaus. Die ist mit Beethovens „Pastorale“ bestens gerüstet für das Kinder- und Jugendkonzert am 21. Februar, um 15 und 17 Uhr in der Stadthalle. Nicht mit einer Zugabe, sondern mit einer Hommage an den im November verstorbenen Heinz-Otto Hohmann, schloss die Junge Marburger Philharmonie ab mit Ravels „Feuergarten“ aus der „Mutter Gans-Suite“.

Auf der Suche, die Lust, die Freunde und Feuer an der Musik und am Musizieren zu entfachen: Es fiel auf, dass von den 80 meist jungen Instrumentalisten während des Spiels nur bei einer Violinistin und einem Cellisten die Freund e am Musizieren und an den Werken durchgehend erkennbar war. Und das bei so schöner Musik wie Beethovens „Pastorale“. Sicher, das Werk war gut einstudiert und Stankow führte mit Routine und Engagement. Aber die innere Freude bei Dinieren und Spielen war nur punktuell erkennbar. Lag es an Dirigent Stankow, der nicht aus dem Augenblick heraus dirigierte und musikalisches Feuer entfachte? Lag es an den Musikern, die vor lauter Notenlesen und Spielen kaum zum Dirigenten schauten? Lag es an beiden, dass kaum Blickkontakt herrschte, sodass die musikalische Freude, wenn sie aufkam, unkoordiniert ins Leere lief? Ursachensuche ohne Schuldzuweisung kann Helden und viel bewirken. Sie kann die Lust, die freunde und das Feuer an der Musik und am Musizieren wieder entfachen. Gewinnen können alle: Dirigent, Musiker und Zuhörer.



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