Oberhessische Presse vom 01. Februar 2011

„Mit einer Wollust geübt und gespielt“ · Musizierfreude mit Herzenswärme

Glanzvolles 36. Sinfoniekonzert der Jungen Marburger Philharmonie unter der Leitung von Ingo Stadtmüller

Mit 900 Besuchern war am Sonntag die Stadthalle fast ausverkauft. Die Zuhörer feierten stürmisch die 70 Musiker der Jungen Marburger Philharmonie, Matthias Bergmann als Solist auf dem Violincello sowie Dirigent Ingo Stadtmüller.

von Helmut Rottmann

Marburg.  Marburg kann sich glücklich schätzen: Neben dem Studenten-Sinfonie-Orchester gibt es in der Stadt mit der Jungen Marburger Philharmonie ein zweites großes und nicht weniger ambitioniertes Laienorchester. Mit Werken von Schostakowitsch und Brahms begeisterte das Orchester 900 Zuhörer.

Edvard Griegs Peer-Geynt-Suite Nr. 1 op. 46 war ein bezaubernder Auftakt. Pastoraler „Morgendämmerung“ folgte „Aases Tod“ in samtig-weichem Klang voll innerer Spannung. „Anitras Tanz“ verband exotischen Klangzauber mit rhythmischer Präzision. „In der Halle des Bergkönigs“ gaben die tiefen Bläser und Streicher sauber Melodie und Motorik vor, die vom ganzen Orchester in Tempo und Dynamik kontinuierlich mit Akkuratesse gesteigert wurde.

Mit Dmitri Schostakowitsch erstem Cellokonzert in Es-Dur op. 107 stellte sich Matthias Bergmann als exzellenter Solist vor. Er meisterte mit Bravour die Wechsel traditioneller Harmonie und Atonalität, von Lyrik, Lebendigkeit und Humor.

Es war begeisternd, wie Bergmann voller Energie und Beweglichkeit den Bogen über die Saiten hüpfen lies, zwischen Elegie und Impulsivität, Intervallsprüngen und Doppelgriffen im Flageolett wechselte, sich tonal durch Chromatiken schlängelte oder liedhafte Kantilenen aufblühen ließ.

Im zweiten Satz bezauberte die liedhafte Melodie des Solocellos, einerseits sinnlich von den Bratschen des Orchesters ausgemalt, anderseits als poesievoller Dialog im zarten Flageolett mit der Keyboard-Celesta. Die kraftvolle Kadenz war quasi Signalgeber für ein quirliges Finale, dem Matthias Bergmann als Solocellist virtuosen Glanz und das Orchester temperamentvoller Begleiter Frische und Farbigkeit verlieh.

Die Junge Marburger Philharmonie war der gleichberechtigte Partner, der Bergmanns Spiel beherzt aufgriff und meist in klaren, plastischen Klangbildern ausmalte, wozu  Ingo Stadtmüllers schlankes, präzises, engagiertes Dirigat beitrug. Kleinere und größere Unstimmigkeiten von Solist und Orchester glättete  er mit Geschick und Routine.

Bei Johannes Brahms’ zweiter Sinfonie gefiel das konturierte Spiel in schönem Melodienfluss, schmeichelte sich in allen Sätzen zart durch die Orchesterstimmen, bezauberten Celli und Bläser mit warmem Ton sowie Horn und Holzbläser mit geschmeidigem Wechselspiel. Tänzerische Elemente hatten Anmut und Eleganz. Nur die Violinen trübten auch hier mit Intonationsschwächen den transparenten Klang.

Mit Musizierfreude und Herzenswärme verlieh das Orchester den Klangmalereien kräftige Farbtupfer, die im Eifer manchmal zu dick aufgetragen schienen. Doch das sei dem Orchester verziehen, da wie schon für die Uraufführung „mit einer Wollust geübt und gespielt“ wurde.

Wie schon zuvor den Solocellisten Matthias Bergmann, so feierte auch hier das Publikum die Junge Marburger Philharmonie mit Ingo Stadtmüller am Dirigentenpult mit stürmischem Applaus, Fußgetrampel und Bravorufen minutenlang. Stadtmüller vertrat würdig Rodrigo Tomillo, neuer Dirigenten des Orchesters, der ein Konzert des Pfalztheaters Kaiserlautern leiten musste.



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