Oberhessische Presse vom 30. Januar 2012

Hörgenuss mit Grieg und Beethoven

Die 750 Zuhörer in der Stadthalle feierten am Sonntag das Orchester mit Bravo-Rufen, und einige forderten: Zugabe! Die aber war nicht vorgesehen, sodass schließlich der Dirigent das Zeichen zum Aufbruch geben musste.

von Michael Arndt

Marburg. Klassische Musik spielt in Marburg eine große Rolle und wird nahezu ausschließlich von Laien getragen – eine Ausnahme bilden die Künstler, die beim Konzertverein auftreten. Und natürlich die Solisten und Dirigenten, die für das Kammerorchester Marburg und die beiden großen Sinfonieorchester verpflichtet werden.

Ein solcher Profi ist der 1982 in Südkorea geborene Hyun-Jin Yun, der zwar noch in Mannheim studiert, aber bereits zahlreiche renommierte Orchester dirigiert hat, so auch die Württembergische Philharmonie Reutlingen, die im April beim Konzertverein gastieren wird. Seit diesem Semester steht er an der Spitze der Jungen Marburger Philharmonie und gab gemeinsam mit ihr am Sonntag in der Stadthalle einen glänzenden Einstand.

Mit seiner schnörkellos-präzisen Schlagtechnik sorgte Hyun-Jin Yun für exaktes Zusammenspiel, bewegte das Orchester aber auch mit der eindringlich formenden linken Hand und dezenter Körpersprache zu einem dynamisch weit gefächerten Ausdrucksspektrum, das faszinierte. Dies noch nicht in der „Tragischen Ouvertüre“ von Johannes Brahms, deren knorrig-spröde Klangsprache ein wenig zu bemüht buchstabiert wurde.

Aber bei den beiden Hauptwerken des Abends musizierte das 70-köpfige Laienorchester ganz nahe am Profi-Niveau – um Unterschiede zu erkennen, mussten die begeistert applaudierenden 750 Konzertbesucher schon sehr genau hinhören. Dass mal ein Einsatz nicht klappt oder ein Ton daneben geht, kommt auch bei hochdotierten Sinfonieorchestern vor.

In Edvard Griegs a-Moll-Klavierkonzert begleitete die Junge Marburger Philharmonie hingebungsvoll die 26-jährige Südkoreanerin Ye Na Cheon, die ebenfalls in Mannheim studiert.

Mit fulminantem Zugriff ließ die zierliche Pianistin die Fortissimo-Kaskaden des Beginns hinab stürzen, meisterte im Kopfsatz und mitreißend-tänzerischen Finale mühelos die rhythmisch akzentuierten virtuosen Passagen, erwies sich aber auch als eindringlich gestaltende Lyrikerin – dies gleich im romantisch sich verströmenden zweiten Thema des Kopfsatzes, bei dessen Vorstellung die Violoncelli sich von ihrer besten Seite zeigten. Ein ungetrübter Hörgenuss war auch der poetische Mittelsatz mit seinen gedämpften Streicherfarben und glitzernden Klavierarabesken, in die sich immer wieder sprechende Bläserstimmen mischen. Ludwig van Beethovens siebte Sinfonie war vor zwei Wochen beim Konzertverein zu erleben – hinreißend gespielt von der Westdeutschen Sinfonia. Doch die Junge Marburger Philharmonie kann sich dem Vergleich stellen.

Mit staunenswerter Genauigkeit und ansteckendem Temperament bewältigte das Orchester die rhythmischen Herausforderungen der tänzerischen Ecksätze, ließ immer wieder mit kultivierten Holzbläser- und Hornsoli aufhorchen.

Durch das wohltuend frische Tempo, das Dirigent Hyun-Jin Yun forderte, und die schlanke, transparente Tongebung erhielt sogar der Trauermarsch des zweiten Satzes einen geradezu heiter-gelassenen Charakter – ganz in Beethovens Sinn.

Beethovens Siebte in der Wiedergabe der Jungen Marburger Philharmonie erklingt noch einmal: beim „Kinderkonzert“ des Konzertvereins am kommenden Sonntag ab 15 Uhr in der Stadthalle Marburg.



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