Oberhessische Presse vom 25. Januar 2014

Marburg

von Michael Hoffsteter

Camille Saint-Saens‘ „Danse macabre“ war wahrscheinlich das bekannteste Werk an diesem Abend, aber noch längst nicht der Höhepunkt. Die sinfonische Dichtung mit ihren vielen Tonmalereien wurde wunderbar vom etwa 70-köpfigen Orchester unter der Leitung von Martin Gärtner umgesetzt. Mit zwölf imitierenden Glockenschlägen auf der Harfe, gespielt von Cordula Poos, wurde die Mitternachtsstunde und damit der Totentanz eröffnet. Grandios interpretierte Konzertmeister Hans-Jörgen Richter sein Geigen-Solo als Tod, der die Skelette zum Tanz ruft und spielte seine Geige dabei ein wenig kratzig und unsauber und erinnerte damit an eine stumpfe Klinge. Der Einsatz eines Xylophons war bei der Entstehung 1874 für ein Orchesterwerk noch vollkommen unüblich. Am Sonntagabend zeigte sich jedoch, dass Saint-Saens damit programmatisch völlig richtig lag. Das Gebein-Motiv aus dem „Danse macabre“ verwendete Saint-Saens 1886 für das Stück „Fossilien“ aus seinem „Karneval der Tiere“ wieder. Auch beim 1928 uraufgeführten „Concert champetre“ von Francis Poulenc war die Besetzung sehr ungewöhnlich. Im Mittelpunkt steht hier das Cembalo, das jedoch seit dem Barock für Solokonzerte unüblich war. Poulenc hatte sein erstes Solokonzert jedoch für die bekannte Cembalistin Wanda Landowska geschrieben. Der Kirchenmusiker und Organist Ralf Stiewe meisterte am Sonntag die teils schwierigen und schnellen Passagen hervorragend. Besonders im dritten Satz begeisterte er mit filigranen und schnellen Fingerläufen. Zusätzlich musste sich Stiewe am Cembalo, bei dem der Anschlag die Tonlautstärke nicht beeinflusst, gegen das Orchester behaupten. Das gelang ihm vorallem beim Konzertieren mit einzelnen Instrumentengruppen sehr gut. Auch das Orchester legte ein hohes Maß an Präzision an den Tag. Dafür gab es bereits zwischen den langen Sätzen Zwischenapplaus. Am Schluss wurde so kräftig applaudiert, dass man fast hätte meinen können das Konzert sei zu Ende. Kräftig, warm und voluminöser erklang nach der Pause die „Sinfonie Nr.1 in g-moll“ von Wassili Kalinnikow, das 1895 uraufgeführt wurde. Hier faszinierten die wunderschön ausgearbeiteten Hauptthemen, wie das lyrische und eingängige Thema des ersten Satzes oder das dagegen derber wirkendere Thema des Scherzos im dritten Satz. Im finalen Satz, bei dem die Themen der vorigen Sätze mit neuem Material verbunden werden, setzten die Musiker den stetigen Wechsel der Themen und Tempi bravurös um. Im Gegensatz zum dritten Satz des Poulenc-Konzertes ging es beim Schlusssatz der Kalinnikov-Sinfonie mit Pauken und Trompeten feierlich zum Finale, wobei die Steigerung hervorragend ausgearbeitet wurde. Mit einem langen, kräftigen Applaus, Fußtrampeln, Jubel und einzelnen „Bravo“-Rufen ließ sich die JMP feiern und bedankte sich mit der Wiederholung des tänzerischen „Scherzo“-Satzes der Kalinnikow-Sinfonie beim Publikum.


Limburg

von Anken Bohnhorst-Vollmer

Russische Romantik, französisches Feuer Von Anken Bohnhorst-Vollmer Mit einem ausgefallenen Konzertprogramm präsentierte sich die ausgezeichnete Junge Marburger Philharmonie am Samstag in der Domäne Blumenrod. Limburg. Wie ein ganzes Leben klingt diese Sinfonie in g-moll des russischen Komponisten Vasily Sergeyevich Kalinnikov. Tatsächlich hat der Künstler das Werk geschaffen, als er noch keine 30 Jahre alt war, nur wenige Jahre vor seinem Tod. Es ist eine gewaltige Sinfonie mit viel russischer Romantik, mit kraftvollen, volksmusikalischen Elementen und mit einem vor Lebenswillen strotzenden Thema. Die Junge Marburger Philharmonie unter der Leitung von Martin Gärtner spielte diesen Kalinnikov so hingebungsvoll, dass man sich wünscht, diese Musik öfter zu hören. Denn in vier Sätzen wird die russische Seele opulent gefeiert, ohne sie zu verkitschen. Dem Allegro Moderato folgt ein langsamer Teil, ein Andante Commodamente, bei dem auf einer durchgängigen, weichen Harfenstimme eine herrlich melancholisch angelegte Oboen-Stimme aufsetzt, die die sorgfältig austarierten Streicher aufnehmen. Angenehm zu hören war hier das Zusammenwirken von Violinen und Violas mit den vollklingenden, tiefen Streichern. Wundervolle Strahlkraft entwickelten im tänzerischen dritten Satz, Scherzo, Allegro non troppo, die Blechbläser, insbesondere die Posaunen und Trompeten. Der finale Satz, der die vorangegangenen Themen aufgreift, mündet in einen prächtigen, wenngleich überraschenden Schluss. Eine weitere musikalische Kostbarkeit servierte die sehr einfühlsam aufspielende Junge Philharmonie mit Francis Poulencs „Concert Champetre“, einem Konzert für Cembalo und Orchester. Dessen Besonderheit besteht darin, dass dem Cembalo-Solopart, den an diesem Abend Kirchenmusiker Ralf Stieve überaus virtuos übernahm, eine großen Orchesterbesetzung entgegengesetzt ist. Es ist eine feurige und wuchtige Komposition, mit dramatischen Paukenschlägen, hellen Fanfaren und zarten, bisweilen aufbrausenden Cembalo-Melodien. Den musikalischen Glanzpunkt des Abends setzte das aus Marburg angereiste Orchester allerdings mit dem „Danse macabre“ (Opus 40) von Camille Saint-Saëns, einem erschütternden Totentanz, das durch einen zwölfmaligen Glockenschlag der Harfe eingeleitet wird. Die Holzbläser stimmen einen Toten-Walzer an, aus dem sich ein furioses Geigen-Solo entwickelt. Hexen und Geister singen ihre Melodien, bis die fabelhaft intonierende Oboe den Spuk beendet und das Geschehen wieder der Violine überträgt. Das ist großartige Musik, begeistert gespielt von einem sympathischen, respektablen Orchester. Artikel vom 28.01.2014

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