Oberhessische Presse vom 01. Juli 2014

Marburg

von Michael Hoffsteter

Marburg. Sinfoniekonzerte in einer Kirche sind durch die Akustik immer etwas Besonderes. Gleich bei der Ouvertüre aus Verdis Oper „La forza del destino“ spürte man das Ungleichgewicht der Instrumente beim Tutti. Einzeln betrachtet bestachen die Instrumentengruppen dagegen mit kräftigen Bläsern und warmen Streichern. Lukas Rommelspacher führte das Orchester mit ruhiger und fester Hand. Der gebürtige Marburger hatte zum Sommersemester die Leitung des seit 1993 bestehenden Orchesters übernommen. Der Pianist und Dirigent begann seine pianistische Laufbahn an der Marburger Musikschule. Viele seiner ehemaligen Mitschüler und auch seine damalige Lehrerin Charlotte Schmidt-Schön saßen im Publikum, um Rommelspacher zu unterstützen, der mit dem Violinkonzert D-Dur von Brahms und Dvoráks Sinfonie Nr. 8 in G-Dur zwei große romantische Werke ins Programm genommen hatte. Brahms einziges Violinkonzert ist für das Miteinander von Orchester und Geige, nicht für die Betonung der Solo-Partien berühmt. Man konnte durchaus befürchten, dass die Solistin Jeanine Thorpe durch das Orchester übertönt werden könnte - doch die Engländerin meisterte nicht nur diese Herausforderung mit Bravour. Mit viel Gefühl stieg die Violinistin in einem zarten Dialog mit dem Orchester ein und ging fortan völlig in der Musik auf. Mit teils ernster Miene brillierte sie mit schnellen Sechzehntelläufen, Doppelgriffen und extremen Sprüngen. Beim eingänglichen dritten Satz, dessen Solo-Partien als die virtuosesten gelten, huschte immer wieder ein Lächeln der Spielfreude über ihr Gesicht. Das Orchester hatte sich wunderbar auf ihre Solistin eingestellt und bot einen hervorragend ausgewogenen Klang, so dass selbst im Tutti-Finale des ersten Satzes Thorpe deutlich herauszuhören war. Nach der Pause entführten die etwa 80 Musiker das Publikum in die schöne Stimmungsmalerei von Dvoráks achter Sinfonie, die letzte, die der böhmische Komponist noch in der „alten Welt“ in Böhmen, geschrieben hat. Fabelhaft vermittelte die JMP hier die Stimmung dieser Sinfonie, die von der Leidenschaft zu Dvoráks Heimat und dem Willen nach Aufbruch bestimmt ist. Allen voran der dritte Satz, bei dem Dvorák sich vom dritten Satz der fünften Sinfonie Tschaikowskys inspirieren ließ und dessen walzerartiges Thema von den Streichern traumhaft umgesetzt wurde, bis der kraftvolle vierte Satz die Zuhörer aus dem Schwelgen in schönen Melodien riss. Lukas Rommelspacher hatte seine Arme noch nicht ganz runtergenommen, da begann schon der Applaus, der sich wie vor der Pause immer mehr steigerte und mit Trampeln und einzelnen Standing Ovations gekrönt wurde.


Königstein

von Ulrich Boller

Gewichtige Literatur bot die Soiree der „Jungen Marburger Philharmonie“ im Haus der Begegnung. Jeanine Thorpe war als Solistin des Brahmsschen Violinkonzerts zu hören, das Orchester bot differenziert bis leuchtend Antonin Dvoraks Achte. Ein nicht alltägliches Bild erwartete die Besucher des Hauses der Begegnung (HdB) am Samstagabend. Nicht wie erwartet auf der großen Bühne, sondern – wenn auch leicht erhöht – so doch fast auf Augenhöhe mit ihren Zuhörern hatte die „Junge Marburger Philharmonie“ im Saal Platz gehoben. Vor geschlossenem Bühnenvorhang entfaltete sich der Klang so quasi aus der Mitte des Saalbaus heraus. Die düster dräuenden Eröffnungsakkorde der Verdi-Ouvertüre „Die Macht des Schicksals“ gewannen derart geradezu beängstigende Präsenz. Profiliert, knackig ließ Dirigent Lukas Rommelspacher, Jahrgang 1992 und erst seit wenigen Monaten Chefdirigent des 1993 gegründeten Orchesters, sein Ensemble musizieren. Schlüssig und stringent gestaltet wirkte das Orchesterstück, Vorspiel und dramatisch bebendes Konzentrat der Handlung gleichermaßen. Der auch als Pianist erfolgreiche Dirigent bewies in der überschaubaren Form seine Kompetenz zu kompaktem, akzentuierendem Zugriff, der das Wesentliche hervorhob. Gemessenen Grundpulses ging es in den Kopfsatz des Violinkonzerts D-Dur opus 77 von Johannes Brahms. Trotz oder vielleicht sogar wegen des langsamen Fortschreitens wackelten zahlreiche Einsätze, waren im starken Mischklang des zerdehnten Orchesterparts Patzer bei Hörnern und Holzbläsern kaum zu überhören. Hier war es denn für Solistin Jeanine Thorpe nicht immer leicht, sich Gehör zu verschaffen. Sie überzeugte vor allem mit geschmeidigen, innig ausgesungenen Melodielinien bei zurückgenommener Orchesterbegleitung. So gelang der langsame Satz erfreulich gesanglich, gut koordiniert mit dem anschmiegsam begleitenden Orchester. Im Ganzen ließ ihr Spiel jedoch noch deutliches Entwicklungspotential erkennen, sowohl handwerklich als auch vom deutenden Zugriff her gesehen. Frisch und pointiert Ein Stück Gebrauchsmusik, der Militärmarsch aus Ludwig van Beethovens früher „Musik zu einem Ritterballett“, rief die Konzertbesucher schöner als jeder Saalgong aus der Pause zurück an ihre Plätze. Zumal die Junge Philharmonie ebenso frisch wie pointiert zu Werke ging. Die Vorfreude auf Antonin Dvoraks Achte G-Dur opus 88 dimmte das deutlich herauf. Enttäuscht wurde sie nicht. Rommelspacher und sein Orchester machten die Partitur differenziert durchhörbar, stellenweise brachten sie – wie im langsamen Satz oder im Scherzo – manche melodische Erfindung regelrecht zum Leuchten. Delikat gelangen hier Bläserstakkati, elegant der böhmisch gefärbte Tanzsatz vor dem von einem markanten Trompetenthema eingeleiteten Finale. Die eine oder andere Unebenheit ließ sich angesichts der guten Gesamtqualität des differenzierten Vortrags leicht verschmerzen. Als Auftakt einer Reihe von Sinfoniekonzerten im Haus der Begegnung sei die Soiree gedacht, erläuterte eingangs Moderator und Konzertorganisator Christoph Schlott, Vorsitzender des Vereins „Terra incognita“. Eine mit leisen Abstrichen gelungene Premiere.
Artikel vom 01.07.2014

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