Oberhessische Presse vom 01. Februar 2016

Marburg

Publikum bejubelt Pianist und Orchester


Für das Semesterabschlusskonzert hatte sich die Junge Marburger Philharmonie (JMP) drei Werke ausgesucht, die das Publikum ebenso begeisterten wie der junge 
Pianist Xi Zhai.

Die Junge Marburger Philharmonie begeisterte ihr Publikum beim Semesterabschlusskonzert am Sonntag im Marburger Audimax.

Marburg. Es war bemerkenswert, mit welcher Präzision der 28-jährige chinesische Pianist die Anforderungen des 1. Klavierkonzerts, op. 15, von Johannes Brahms meisterte. Während in den gefühlvollen Passagen seine Finger stellenweise wellenartig über die Klaviatur flossen, entwickelten seine zart aussehenden Hände besonders in den Solo-Passagen enorm viel Kraft.

„Eigentlich ist das eine richtige Sinfonie mit Klavierstimme, kein normales Klavierkonzert“, erklärte Xi Zhai im Gespräch. Der chinesische Pianist lobte die Laienmusiker der JMP für ihren Ausdruck und ihre Musikalität und Leidenschaft und erklärte, dass das 1. Klavierkonzert von Brahms sowohl für Orchester als auch für Klavier sehr schwer sei, besonders in der Interpretation.

Kleiner Fehler im Programmheft

Die wurde von den Musikern hervorragend umgesetzt. Der junge Marburger Dirigent Lukas Rommelspacher führte sein Orchester hochkonzentriert und hielt fortwährend guten Kontakt auch mit dem Pianisten. Sehr schön ausgearbeitet waren auch die verschiedenen Instrumenteneinsätze, wie der Ruf der Hörner, die den virtuosen Charakter des Werkes unterstrichen. Mit dem wirkungsvollen, kräftigen Hauptmotiv leitete Rommelspacher mit starken Akzenten zum Finale, bei dem sich erneut die flinken Läufe im Klavier und das expressive Spiel des Orchesters trafen.

Ungewöhnlicherweise begann das Konzert mit diesem wuchtigen Werk. Das sei allerdings von Anfang an so geplant gewesen und sei lediglich im Programmheft falsch abgedruckt worden, erklärte Rommelspacher nach dem Konzert. Die beiden Stücke nach der Pause standen in Sachen Emotionalität dem Brahms’schen Klavierkonzert kaum nach. Mit langsam anschwellenden tiefen Streichern begann die Ouvertüre aus „Nachklänge von Ossian“ von Niels Wilhelm Gade, die im Laufe des Stückes immer lebendiger wurde und durch den Einsatz der Klarinetten deutliche jüdische Einflüsse zeigte.

„Das Orchester hat riesigen Spaß am Stück entdeckt“

Spannend war vor allem die Sinfonietta Nr. 1, op. 41, von Mieczyslaw Weinberg. Weinberg, ein sowjetischer Komponist mit polnischen Wurzeln war ein Weggefährte Dmitri Schostakowitschs. Er ist im Gegensatz zu Schostakowitsch jedoch recht unbekannt geblieben. In seiner Sinfonietta mischte Weinberg folkloristische Elemente mit Stilmitteln aus Jazz, Klezmer, Blasmusik oder orientalischer Musik und deutlich modernem Anstrich.

Der Vorschlag, das Werk aufzuführen, stammte von einer Bratschistin des Orchesters, wie Helene Mönkemeyer beim neu eingeführten Einführungsvortrag berichtete. Auch den meisten Mitspielern war das Stück vorher unbekannt. „Das Orchester hat riesigen Spaß am Stück entdeckt“, verriet Dirigent Lukas Rommelspacher im Gespräch. Dies war den Musikern anzumerken. Mit viel Elan führten die Laienmusiker durch die vier kurzen Sätze, in denen sie ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen konnten.

Das Publikum feierte die JMP ebenso kräftig wie zuvor den Solisten Xi Zhai mit langem Applaus und vereinzelten Jubel-rufen. Als Zugabe für den kaum enden wollenden Applaus gab es erneut einen kleinen Teil 
aus dem ersten Satz der Sinfonietta.

von Mareike Bader


Nassauische neue Presse:

Marburger Philharmonie


Außergewöhnlich begabt



02.02.2016 Von ANNEKE JUNG
Nur wenige Amateure wagen sich an die ganz großen, anspruchsvollen Orchesterwerke. Eines davon ist die Junge Marburger Philharmonie, und sie tut das mit großartigen Ergebnissen und ausgesprochen seriös. Beim Winterkonzert in Blumenrod konnte man sich hiervon wieder überzeugen. Foto: Jung Anneke Der 28-jährige Pianist Xi Zhai begleitete die Junge Marburger Philharmonie.
Limburg.

Wer das Orchester kennt, weiß, dass das Ensemble etwas wagt, was viele professionelle Orchester leider allzu oft dem Mainstream opfern. Die Junge Marburger Philharmonie präsentiert immer wieder außergewöhnliche Werke und eröffnet so den Besuchern neue Hörerlebnisse.

Beim Konzert am Samstag galt dies vor allem für die 1948 entstandene Sinfonietta Nr. 1 f-moll, op. 41 des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Dieser musste zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von Warschau zeitweise bis nach Taschkent fliehen und lebte bis zu seinem Tod 1996 in Moskau. Im familiären Umfeld erlebte er den Judenhass aus Nazideutschland, aber auch später die judenfeindliche Stimmung in der UdSSR. In der Sinfonietta setzte er versteckt ein politisches Zeichen für seine jüdische Herkunft, indem er sich stilistisch stark von der Musik der osteuropäischen Juden leiten ließ. Offiziell widmete er das Werk allerdings „der Freundschaft der Völker der UdSSR“.

Eine umsichtige Leitung



Die Kammerphilharmonie präsentierte ein lebendiges, temperamentvolles Tongemälde mit flotten Tanzrhythmen, melancholisch sehnsuchtsvoller Melodik, den typischen Klängen von Klarinetten, Geigen und Perkussionsinstrumenten und vielen stilistischen Eigenarten aus diesem Bereich. Einfach zu realisieren ist das Werk nicht, sind doch die vielen folkloristischen Artikulationseigenarten und teils kniffligen Rhythmen für den eher klassisch orientierten Laienmusiker kein täglich Brot. Aber unter der umsichtigen Leitung von Lukas Rommelspacher gelang eine überzeugende Darstellung, die die Hörer mit viel Beifall honorierten.

Damit wäre eine weitere Besonderheit diese Abends angesprochen. Geprägt wurde das Konzert von zwei blutjungen Musikern, die ihre Sache ausgezeichnet machten. Rommelspacher, in dessen Händen die Geschicke des Orchesters seit 2014 liegen, ist gerade mal 23 Jahre alt und studiert an der Musikhochschule in Frankfurt. Er ist pianistisch in ganz Deutschland unterwegs und leitete bereits mehrere Produktionen von Kinderopern an der Alten Oper und der Oper Frankfurt. Ohne viel Firlefanz, aufmerksam und umsichtig manövrierte er den riesigen sinfonischen Orchesterapparat, und das nicht nur durch die Klippen der Weinberg-Sinfonietta.

Gemeinsam mit dem nur fünf Jahre älteren, aus China stammenden Pianisten Xi Zhai wagten sich Rommelspacher und sein Orchester an ein hochkomplexes, ausdrucksstarkes und nebenbei ziemlich respekteinflößendes Werk: das Klavierkonzert Nr. 1, d-moll op. 15 von Johannes Brahms. Das ist kein Klavierkonzert wie die klassischen eines Mozart oder Beethoven. Da gibt es Brüche, deutlich freieres Spiel des Solisten, extrem schwierige Situationen im Zusammenspiel von Solist und Orchester. Technisch ist es sowohl für den Pianisten als auch für jedes einzelne Orchestermitglied ein Husarenritt.

Den Eindruck von Schwierigkeit vermittelte der junge Solist allerdings ganz und gar nicht. Ihm schien das Werk nur so aus den Fingern zu laufen. Er wirkte völlig hingegeben an die Musik, manchmal versunken in sein Tun, aber immer mit aktivem Kontakt zu Orchester und Dirigent. Die Leidenschaft und Freude, die er ganz offensichtlich für diese Musik empfindet, übertrug sich auf die völlig begeisterten Hörer, die mit Applaus auch nicht sparten und den jungen Mann zu einer wunderschönen Schumannschen „Träumerei“ als Zugabe motivierten.

Große Spielfreude

Die Leistung des Orchesters kann man gar nicht hoch genug loben. Auch wenn hier Grenzen des Machbaren erreicht wurden, lieferten die Damen und Herren eine überzeugende, seriöse Arbeit ab und bereiteten dem Solisten einen sicheren Teppich. Dies gelang nicht zuletzt dank des guten Überblicks ihres jungen Chefs, aber auch der Aufmerksamkeit und Spielfreude jedes Einzelnen.

Eine unglaubliche Leistung für ein Amateurorchester.

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