Potsdamer Neueste Nachrichten vom 30. Juli 2011

Profikönnerische Laien

von Peter Buske

Junge Marburger Philharmonie in der Erlöserkirche

Im Frühjahr dieses Jahres sind sie endlich volljährig geworden. Doch erwachsen waren sie schon bald nach ihrer Geburt anno 1993, als vorwiegend musikbeflissene Studenten der Marburger Universität ein Orchester gründeten, in dem von Oberstufenschülern bis zu Pensionären auch andere Freunde des gemeinsamen Musizierens mitwirken. Als Junge Marburger Philharmonie geben sie regelmäßig Konzerte in der Stadt und Umgebung, gehen auf Konzertreisen, die sie nun in die Berlin-brandenburgische Region führten. Mit einem Programm, das sogar gestandene Orchester mitunter an die Grenzen ihres Könnens geraten lässt.

Am Donnerstag spielten die begeisterungsfähigen Musiker in der Erlöserkirche unter Leitung von Ingo Stadtmüller romantische Werke von Bruch, Dvorak und Sibelius. Und entpuppten sich dabei sogleich als ein Laienorchester mit rühmenswerten Profiqualitäten. Bereits in der eingangs erklingenden „Karelia“-Suite von Jean Sibelius machte ihre Intonationsreinheit und -sicherheit staunen. Streicherweich und blechbläserzart erzählten sie in vier klangfarbenprächtigen Bildern aus der Geschichte Kareliens. Vom litauischen Herzog Narimont, wie er in soldatischer Begleitung zwecks Steuereintreibung durch eine Winterlandschaft reitet. Plastisch geschildert durch eine heranziehende, explodierende, dann leise verklingende Marschmusik. Nicht weniger eindrucksvoll der Bardengesang auf Burg Wiborg, wo des Orchesters bestechend schlanker Klang, differenzierte Dynamik und prächtige Farbenmalerei angenehm in die Ohren gingen. Und auch vom Niederbrennen der Feste wissen sie notenfröhlich notierte Kunde zu geben – bis hin zum wahrlich feurigen Finale.

Diesem Beitrag zur finnischen Nationalfindung folgte mit Max Bruchs Konzert für Klarinette, Viola und Orchester op. 88 ein melodienseliges Werk in ungewöhnlicher solistischer Kopplung. Unterschiedlich in Klang und Charakter, vermischten sich die beiden Instrumente dennoch auf angenehme Weise. Was an Klarinettist Johannes Schultz, mehrfacher Preisträger von „Jugend musiziert“, und Bratscherin Liv Bartels lag: Beide bevorzugen ein intensives, gefühlvolles, Legato liebendes Spiel. Sie sind stark in den Orchesterklang eingebettet, aus dem hervorzutreten die Bratsche oftmals Mühe hat. Nach purem romantischem Gefühl verlangt der volksliedhafte Mittelsatz, während im Schlusssatz virtuoses Wechselspiel angesagt ist. Mit Leichtigkeit wurde musiziert und an Ausdruck herrschte bei allen Beteiligten kein Mangel.

Spielpräzises Miteinander bestimmte ebenso die herrlich unroutinierte und voller Frische musizierte 5. Sinfonie F-Dur op. 76 von Antonin Dvorak. Man darf sie getrost als eine böhmische Pastorale bezeichnen, denn slawisch geprägte Themen und romantisches Lebensgefühl beherrschen ihre vier Sätze von Anfang an. Hörnersignale, die von Klarinetten und Flöten aufgenommen werden, laden zum Ausflug in die grüne Natur ein. Unbeschwert, gleichwohl energisch bis schwungvoll wurde dieser 1. Satz musiziert. Einen wandlungsreichen Serenadenton hielten die Musiker für den von einer Dumka, slawischer Liedform lyrischen Charakters, bestimmten Andante-Satz bereit. Über einen fröhlichen Scherzo-Tanz ging es ins Finale, in dem sich dramatisch exponierte Gedanken mit berückender Lyrik verbinden. Das Konflikthafte überzeugend auszudrücken, gelang den Jungphilharmonikern vorzüglich. Jubelbeifall war Lohn all ihrer einsatzfreudigen Bemühungen. Peter Buske



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