Wetzlarer Neue Zeitung vom 30. Januar 2007

Junge Marburger Philharmonie spielt in Braunfels

Packendes Konzert

Braunfels. Bestens disponiert hat sich die Junge Marburger Philharmonie den 60 Zuhörern am Samstagabend im Haus des Gastes in Braunfels präsentiert. Zu hören war ein anspruchsvolles Sinfoniekonzert unter der Leitung von Kiril Stankow, der das Orchester seit Sommer 2006 leitet.

Der Klangkörper wurde 1993 gegründet und besteht in der Mehrzahl aus Studentinnen und Studenten. Aber auch Oberstufenschüler und Pensionäre wirken mit.

Mit Wagners Vorspiel zu "Die Meistersinger von Nürnberg" und Schuberts "Unvollendeter" standen anspruchsvolle Orchesterwerke auf dem Programm. Sie umrahmten das Solokonzert für Horn von dem Russen belgischer Abstammung, Reinhold Glière (1875 bis 1956). Hochmotiviert musizierten die Mitwirkenden, allen voran der hervorragende Solist Christoph Eß (Horn).

Der Hornist, geboren 1984 in Tübingen, begann seine Ausbildung im Alter von sieben Jahren. Gefördert wurde er durch Stipendien. Eß war sechsfacher 1. Bundespreisträger bei "Jugend musiziert", 2005 wurde er Preisträger des Internationalen Wettbewerbs der ARD. Solistisch trat er bereits mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Kammerorchester München, dem Kammerorchester Stuttgart und der Cammerata Salzburg auf. Auch mit den Spezialisten für moderne und zeitgenössische Musik, dem "Ensemble Modern" Frankfurt, musizierte er. Zu den berühmten Dirigenten, unter denen er spielte, gehören Riccardo Muti, Pierre Boulez und Vladimir Ashkenazy. In der vergangenen Spielzeit war er beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks angestellt. Überdies gastiert Eß als Kammermusiker bei renommierten Musikfestivals.

Feierlich und pathetisch erklang eingangs das Vorspiel zu den "Meistersingern". Das in Form einer symphonischen Dichtung komponierte Stück wurde 1862 in Leipzig uraufgeführt. Über einem satten Streicherteppich entfalteten sich voluminös die gut geführten Blechbläser. Unter Stankows überlegener Leitung schöpfte das Orchester sowohl die lyrischen als auch die heiteren Momente aus. Die glänzende Wiedergabe steigerte sich bis zum Klangrausch. Das Publikum honorierte die Aufführung mit kräftigem Applaus. Immer wieder belohnt kräftiger Applaus die Leistung der Musiker.

Im Anschluss wurde das Hornkonzert von Glière dargeboten. Das Orchester klang angenehm warm und agierte mit der dem Werk angemessenen Transparenz. Eß spielte seinen hochvirtuosen Solopart äußerst ausgeglichen. Der Musikfluss war getragen von seinem großen, steten Atem. Der erstaunliche Facettenreichtum in Hinblick auf die dynamische Ausgestaltung ließ aufhorchen. Vom entrückt-leisen bis zum wohlig-vollem Ton reichte die Palette des Solisten.
Atemberaubend war auch die Ausführung der Solokadenz im ersten Satz. Glière gilt als Folklorist. Daher war das Werk durchsetzt mit slawischen Anklängen, insbesondere der durch einen prägnanten Rhythmus gekennzeichnete, tänzerische dritte Satz. Der naturhafte Ton des Hornes passte ideal zur subtilen volkstümlichen Färbung. Idyllisch wirkte daher die Stelle, in der das Horn in Dialog mit der Flöte trat, die an Vogelgezwitscher erinnerte. Auch diese Aufführung, die mühelos leicht daherkam, feierte man mit kräftigem Applaus.

Eine in ihrer Geschlossenheit packende Aufführung der "Unvollendeten" beendete den Abend. Das erstaunliche Differenzierungsvermögen des Orchesters gefiel sehr. Die Wiedergabe wurde mit viel Applaus bedacht, in den sich auch Bravorufe mischten. Daher wiederholte die Junge Marburger Philharmonie, doch diesmal gelöster und befreiter vom Druck, das "Meistersinger"-Vorspiel als grandiose Zugabe.

Tanja Löchel


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